Āpas / Apah (आपस् / अपः) - Wasser

"Durch das Zusammenwirken von Feuer und der visuellen Empfindung entwickelt sich das subtile Element Geschmack unter einer höheren Anordnung. Aus Geschmack entsteht Wasser, und die Zunge, die den Geschmack wahrnimmt, manifestiert sich ebenfalls."
(Śrīmad Bhāgavatam 3.26.41)
 
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Ein alter Teich
Ein Frosch springt ins Wasser
Geräusch von Wasser
(Haiku von Bashō)
 

 
Dieser Artikel wird etwas länger ausfallen - nicht weil das Element Wasser wichtiger ist als Feuer oder Luft, sondern gerade weil es oft unterschätzt wird, obwohl es eine zentrale, tragende Rolle spielt. Ich erinnere mich an eine Aussage aus dem Tao Te Ching, die grob übersetzt heißt:
 
“Kenne das Männliche, halte dich an das Weibliche”.”
 
Ich will hier versuchen zu erklären, warum dieser Satz so bedeutsam ist - und warum er in so enger Beziehung zum Element Wasser steht.
 
Das Element Wasser wird dem weiblichen Prinzip zugeordnet. Es steht für Kräfte, die passiv erscheinen - wobei “passiv” hier keineswegs negativ gemeint ist. Wasser besitzt eine ruhende, nach innen gerichtete Qualität. Es ist aufnahmefähig, aufmerksam, wartend und verbindend: Legt man zwei Wassertropfen vorsichtig nebeneinander, verschmelzen sie sofort zu einem Ganzen. Ihm werden Eigenschaften wie Empathie, Emotion, Liebe und Intuition zugeschrieben. Seine Kraft liegt nicht in der Selbstbehauptung, sondern im Erfassen, Erspüren und Aufnehmen. Gerade in dieser zurückgezogenen, inneren Stärke, in dieser Hinwendung nach innen, liegt der mächtige Kern dieser außergewöhnlichen Qualität.
 
Alle Gefühle, die wir im Alltag erleben, gehören hierher - auch solche, die aus unserer Erziehung, aus Verletzungen oder inneren Wunden entstanden sind. Es sind Gefühle, die uns manchmal rätselhaft erscheinen und uns doch ständig begleiten. Angst, Wut, Trauer, Freude, Euphorie - Gefühle, die in bestimmten Situationen wieder auftauchen und mit denen wir zu kämpfen haben, die aber vor allem eines verlangen: anerkannt zu werden. All diese inneren Strömungen lassen sich dem Element Wasser zuordnen.
 
Versteckte Emotionen
Der Mond hat immer eine Seite, die wir nicht sehen können. Das zeigt sehr deutlich, dass auch wir Menschen eine Seite in uns tragen, die entweder anderen verborgen bleibt oder die wir selbst nicht klar wahrnehmen: die Welt unserer Emotionen und Gefühle.
 
Der Ozean erreicht an manchen Stellen eine Tiefe von bis zu 4.000 Metern. Die Titanic sank in genau dieser Dunkelheit, und lange Zeit war es äußerst schwierig, ihr Wrack zu lokalisieren. Ferngesteuerte Roboter mussten in Regionen geschickt werden, die kein Mensch je betreten hat.
So ist es auch mit unseren Gefühlen: Manche liegen tief verborgen.
 
Manchmal kommen sie im Traum an die Oberfläche. Manchmal werden sie im Alltag durch scheinbar harmlose Situationen ausgelöst und erscheinen plötzlich überwältigend präsent. Dann fragen wir uns: Woher kommen sie? Was hat sie ausgelöst?
 
Die Wasserzeichen in der Astrologie
Wie würde ein Wasserzeichen mit diesen Emotionen umgehen? Im Allgemeinen würden sie eher emotional auf eine Situation reagieren, während Luftzeichen im Vergleich dazu kühler und intellektueller agieren.
 
Skorpion taucht in die Tiefe, inspiziert das Schiffswrack mit unerschütterlicher Intensität, ringt mit dem Abenteuer und kehrt verändert an die Oberfläche zurück. Krebs umkreist das Wrack in sicherer Entfernung, bewacht es sorgfältig und bleibt doch tief verbunden. Die Fische Der Einheimische weiß, dass er nicht bis auf den Grund tauchen muss - er teilt das gleiche Element mit dem Wrack. Das Wasser, das ihn umgibt, umschließt auch das Schiff am Boden. Er ist bereits mit dem Wrack verbunden, ohne auch nur einen Atemzug tiefer gehen zu müssen.
In allen drei Fällen zeigt sich eine andere Art der Auseinandersetzung und des Umgangs mit der Emotion. Und was für Überraschungen sind auf dem Meeresgrund zu finden! Manche mögen sagen: “Im Keller liegen Leichen”. Wenn das Schiff geborgen und ins Licht des Bewusstseins gehoben wird, verändert es in einem alchemistischen Prozess seine Beschaffenheit, seine Farbe und sein Wesen.
 

 
Wenn der Mond im persönlichen Horoskop beeinträchtigt ist - zum Beispiel durch ungünstige Zeichenstellungen, Aspekte oder Konjunktionen - kann es für uns schwierig sein, mit unserer Gefühlswelt zurechtzukommen. Die natürliche Anpassungsfähigkeit leidet, und man kann sich fühlen, als würde man ohne inneren Anker von einem Gefühl zum nächsten geworfen werden. Das Ergebnis ist das gesamte Spektrum der emotionalen Störungen.
 
Wasser im Zen Shiatsu
In der Sichtweise des Zen Shiatsu ist das Wasserelement durch eine wesentliche Abwärtsbewegung gekennzeichnet, die die Energie tief in die Erde und im menschlichen Körper direkt in die Organe leitet. Hara. In diesem energetischen Zentrum im Unterbauch wird unser ursprünglicher Ki und Essenz aufgenommen und gespeichert werden, ähnlich wie die Natur sich im Winter zur Regeneration in die Tiefe zurückzieht.
 
Auf der emotionalen Ebene ist das Wasser eng mit der Angst verbunden, die im Zen Shiatsu als grundlegender Überlebensinstinkt angesehen und mit den Nieren in Verbindung gebracht wird.
 
Das nährende Prinzip und Manas
Das Element Wasser wird vor allem mit dem Mond und der Venus in Verbindung gebracht. Am deutlichsten spürbar ist der Einfluss des Mondes, der die Ebbe und Flut der Gezeiten erzeugt.
 
In vielen Traditionen ist der Mond eng mit der Mutter und mütterlichen Eigenschaften verbunden. Das Element Wasser verkörpert somit auch das nährende weibliche Prinzip. Dieses Nähren geschieht nicht durch aktives Handeln im solaren, nach außen gerichteten Sinne. Vielmehr ist es eine stille, gegenwärtige Qualität - einfach “da sein”. So wie eine Mutter ihr Neugeborenes pflegt, ohne Absicht, Ziel oder Strategie, allein aus der Präsenz heraus. Es ist ein Ausdruck von bedingungsloser Liebe und jener körperlichen Nähe, die im ersten Lebensjahr Halt und Sicherheit gibt.
Diese nährende Kraft wirkt auch dort, wo kein Tun erforderlich ist. Oft genügt es, die Dinge sein zu lassen, sie mit einem liebevollen Blick anzunehmen und sie so zu akzeptieren, wie sie sind. Annehmen und Empfangen sind daher zentrale Eigenschaften des Elements Wasser.
 
In der vedischen Astrologie wird der Mond gleichgesetzt mit Manas. Manas bezeichnet den wahrnehmenden, fühlenden Geist - den Teil unseres Bewusstseins, der Sinneseindrücke aufnimmt, sie emotional verarbeitet und instinktiv auf die Außenwelt reagiert. Es ist nicht der unterscheidende Intellekt (Buddhi), sondern der Geist, der fühlt, der mitschwingt.
 
Durch die fünf Sinne sind wir empfänglich für die Qualitäten der Schöpfung. Manas besteht aus Jiva, das lebendige Bewusstsein, und Ahamkara, das “Ich”, die Idee einer getrennten Existenz. Jiva erfährt sich selbst und bringt dadurch das Ego hervor - das Ego ist die Vorstellung einer getrennten Existenz (“Ich”, “Mein”). Aus “Mein” entstehen Anhaftungen. So stellt der Mond das individuelle Bewusstsein dar, das all seine Freuden und Sorgen erfährt.
In buddhistischen Traditionen wird der Geist oft mit einer ruhigen, spiegelnden Wasseroberfläche verglichen. Die Unruhe des Geistes ähnelt den Wellen oder Kräuseln auf dieser Oberfläche. Gleichzeitig wird betont, dass die grundlegende Weite und Ruhe des Geistes unzerstörbar ist - so wie das Wasser unter den Wellen letztlich still bleibt.
 
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“Der Geist ist ein wunderbares Instrument. Meditation ist eine Erkundung des Unterbewusstseins. In der Meditation tauchen Gedanken aus der Vergangenheit auf, Gefühle und Emotionen kommen an die Oberfläche. Wenn wir meditieren, werden sich unsere Zellen der Gedanken bewusst und nehmen wahr, wie sich der Stress auflöst. Wir können beginnen, mit jeder Zelle zu sprechen, zu teilen und zu kommunizieren.”
Dr. Vasant Lad
 
Das Veränderliche, das Zyklische
Eine weitere zentrale Eigenschaft des Mondes ist seine Wandelbarkeit. Innerhalb von etwa 30 Tagen ändert er zyklisch seine Gestalt: Er nimmt zu, er nimmt ab, er ist völlig verdunkelt oder völlig hell. In diesem Rhythmus zeigen sich sowohl Veränderung als auch Wiederkehr.
 
Diese Eigenschaft spiegelt sich auch in der menschlichen Persönlichkeit wider. Der Mond steht für unsere emotionale Wandlungsfähigkeit, aber auch für unsere Anpassungsfähigkeit - für die Fähigkeit, sich auf ständig wechselnde äußere Umstände einzustellen. Diese Fließfähigkeit ist eine große Stärke des Elements Wasser.
 
Der Einfluss des Mondes auf die Gezeiten ist allgemein bekannt. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich einmal in Frankreich am Atlantik Urlaub gemacht habe. Unzählige kleine Sandhüpfer (die eigentlich wie Miniaturgarnelen aussehen) waren am Strand. Wenn der Vollmond hell am Himmel stand, kam es mir vor, als ob alle Flöhe vom Strand auf das Land sprangen, um sich zu paaren. Es war eine Miniatur-Massenwanderung zu einem großen Fruchtbarkeitsfest bei Mondschein.
 
Vielleicht funktionierte der Zyklus der Frau in einer Zeit, in der man keinem künstlichen Licht ausgesetzt war und die Körperchemie nicht durch hormonelle Präparate verändert wurde, ähnlich.
 
“So findet die Flut ihre Entsprechung in aufbauenden Prozessen wie der Reifung der Eizelle und dem Eisprung, während man die Ebbe mit aufbauenden und reinigenden Prozessen wie der Menstruation vergleichen kann... In früheren Zeiten bluteten auch die Frauen im Einklang mit den Mondphasen, weshalb die alten Fruchtbarkeitsfeste wie Ostern oder die Erntedankfeste im August bei Vollmond stattfanden, wenn möglichst viele Frauen ihren Eisprung hatten, so dass die Fruchtbarkeit der Natur direkt auf die Frauen übertragen werden konnte. ”*
 
Mond-Signatur in der Kräuterkunde
Vieles wird durch die Zyklen des Mondes beeinflusst. Bei Neumond zum Beispiel ziehen sich die Säfte der Pflanzen tief in die Wurzeln zurück. Bei Vollmond steigen sie in die Blüten und Blätter auf.
 
In der traditionellen westlichen Kräutermedizin werden bestimmte Pflanzen der sogenannten Mondsignatur zugeordnet. Charakteristisch für sie sind ein hoher Schleim- und Saftgehalt sowie besondere Phänomene wie die Bildung von Guttationstropfen, etwa beim Frauenmantel. Dazu gehören auch Pflanzen, die bevorzugt im oder am Wasser wachsen, wie z.B. Algen, Blasentang, Sumpfbohne, Kalmus oder die Seerose.
 
Ihre heilende Wirkung richtet sich vor allem auf jene Prozesse und Organe im menschlichen Körper, die als “mondähnlich” gelten. Dazu gehören fieberhafte Zustände (in Verbindung mit Moorbeere), die Schleimhäute der Gebärmutter und des Magen-Darm-Trakts (auf die die Süße Fahne wirkt) sowie die Sexualorgane, die traditionell mit Frauenmantel und Seerose in Verbindung gebracht werden.
 
In der westlichen Astrologie gilt der Mond auch als Herrscher über das Lymphsystem. Ein pflanzliches Pendant dazu findet sich in den Milchsäften von Pflanzen wie Löwenzahn, Schlafmohn oder Schöllkraut. Dies ist nur eine kleine Aufzählung aus einer Vielzahl solcher Heilpflanzen.
Sogar das Blut im menschlichen Körper steht unter der Herrschaft des Mondes.
 

 
“...Selbst der verfinsterte Mond erscheint ihm nicht mehr so schrecklich, denn er erinnert sich an eine Legende, die besagt, dass Lady Moon jede Nacht alle freigesetzten Erinnerungen und vergessenen Träume der Menschheit in sich sammelt. Sie bewahrt diese bis zum Morgengrauen in ihrem silbernen Kelch auf. Dann, beim ersten Licht des neuen Tages, so die Legende, werden all diese vergessenen Träume und verlassenen Erinnerungen als Mondsaft oder Tau auf die Erde zurückgegeben. Vermischt mit den lacrimae lunae, den ‘Tränen des Mondes’, nährt und erfrischt dieser Tau alles Leben auf der Erde...”
Aus “Psychologie des Tarot” von Sallie Nichols
*Die Kräuterkunde des Paracelsus (S. 309)
 
Wasser braucht Erde
Im Horoskop gehören die Zeichen, die den Wasserzeichen gegenüberstehen, zum Element Erde. So steht das Zeichen der Fische der Jungfrau gegenüber. Das Zeichen Krebs steht dem Steinbock gegenüber, und schließlich steht der Skorpion dem Stier gegenüber.
Wasser benötigt das Erdelement, um in einen Zustand des Gleichgewichts zu kommen. Die strukturierende, verankernde und manifestierende Energie des Erdelements lenkt das Wasserelement in kontrollierte Bahnen, und umgekehrt dehnt und reinigt das Wasser das Erdelement und macht es durchlässiger, so dass es weniger starr und steif ist.
 
Im vergangenen Jahr hatte ich eine bemerkenswerte Anzahl von Vorfällen mit kleinen Überschwemmungen, die ich immer aus erster Hand erfahren habe. Das Leben gibt uns manchmal Zeichen, die uns auf ein Ungleichgewicht der Elemente aufmerksam machen. Wenn Rohre platzen, das Boot kentert und die Waschmaschine innerhalb kurzer Zeit nicht mehr abpumpt, kann es sein, dass der eigene Gefühlsfluss aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dies kann als Hinweis verstanden werden, sich bewusst mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen.
 
Manchmal zwingt uns das Leben auch zum Stillhalten, zum Beispiel durch eine Krankheit. Dann hat unser Innenleben endlich Raum, sich bemerkbar zu machen - das ist ein zutiefst wasserelementarer Zustand. Die Frage ist dann, wie wir mit ihm umgehen.
 

 

Eigenschaften von Wasser:

  • Gunas (Qualitäten): Kühl, flüssig, schwer, weich, ölig, schleimig. Die Gunas beschreiben die grundlegenden Eigenschaften eines Elements.
  • Karmas (Handlungen/Prinzipien): Karmas sind die grundlegenden Handlungsweisen oder Bewegungsmuster des Elements. Für Wasser sind dies Abwärtsbewegung, Reinigung, verbindende Kraft, Anhaftung und Versickerung. Wasser kann reinigen, verbinden, Eindrücke aufnehmen und in die Tiefe wirken - es wirkt subtil, ohne Gewalt.
  • Jñānendriya (Wahrnehmungsfähigkeit): Jñānendriya bezeichnet das Sinnesorgan, durch das wir die Welt wahrnehmen. Für das Element Wasser ist dies der Geschmack. Die Zunge als Sinnesorgan spiegelt die Fähigkeit des Wassers wider, Eindrücke zu erfassen, zu unterscheiden und zu genießen.
  • Karmendriya (Fakultät des Handelns): Die Karmendriya ist das Organ, durch das wir aktiv handeln. Beim Wasser ist dies die Zeugung. Diese Zuordnung zeigt, dass Wasser eng mit dem Leben, der Erhaltung und der Weitergabe der Lebenskraft verbunden ist.
  • Tanmātra (Subtile Essenz): Tanmātra bezeichnet die feinstoffliche Essenz, aus der die Sinneswahrnehmung entsteht. Für Wasser ist dies der Rasa-Geschmack, der über die Zunge wahrgenommen wird. Es symbolisiert die Fähigkeit des Elements, subtile Eindrücke aufzunehmen und sie in physische und mentale Erfahrung umzuwandeln.
Wasser wird bezeichnet als Apas und steht für chemische Energie. Es ist das universelle Lösungsmittel, und alle biochemischen Prozesse im Körper werden durch das Element Wasser getragen und gesteuert.
 
Menschen mit einer starken Wasserprägung erscheinen sanft, einfühlsam und emotional zugänglich. Sie bauen leicht stabile Beziehungen auf und werden als warmherzig, fürsorglich und verbindlich wahrgenommen. Ihre innere Ruhe und Ausgeglichenheit ermöglichen es ihnen, Verantwortung und Lasten mit vergleichsweise wenig innerem Druck zu tragen, weshalb sie oft eine unterstützende Rolle für andere übernehmen.
 
Gleichzeitig verfügen sie über ein hohes Maß an innerer Offenheit und Lernfähigkeit, insbesondere in Bereichen, zu denen sie eine persönliche oder emotionale Beziehung haben. Ihr Wissenserwerb ist stark intuitiv geprägt. Insgesamt gelten sie als realistisch, weltgewandt und geerdet im Leben, mit einem natürlichen Verständnis für menschliche und soziale Zusammenhänge.
 
Wasser als Ursprung, Prakriti und kosmisches Prinzip
In vielen asiatischen Traditionen gilt Wasser als die grundlegende Form der Manifestation und als Ursprung allen Lebens. Es wird nicht nur mit körperlicher, sondern auch mit geistiger Regeneration in Verbindung gebracht und steht symbolisch für Fruchtbarkeit, Reinheit, Weisheit, Anmut und Tugend.
 
Als fließendes Element besitzt Wasser eine auflösende, verbindende Qualität; gleichzeitig kann es sich, wenn es sich sammelt, verdichten und zusammenhalten. In dieser dualen Natur spiegelt es verschiedene Grundtendenzen wider: Es kann ausgleichend und klärend wirken (sattvisch), aber auch nach unten in die Tiefe ziehen (tamasisch), während es sich horizontal ausdehnt und ausbreitet (rajasisch).
 
Wasser wird hier als die Ursubstanz verstanden, als Materia Prima oder Prakriti-als das, aus dem alles hervorgeht. In hinduistischen Texten erscheint die Welt zunächst als ein grenzenloser Ozean; ebenso sprechen daoistische Traditionen von riesigen Gewässern ohne Ufer. Das Weltenei, aus dem sich die Schöpfung entfaltet, wird auf der Oberfläche dieser Urgewässer ausgebrütet. Auch in der biblischen Genesis schwebt der göttliche Geist über den Wassern, bevor die Form entsteht. In der chinesischen Vorstellung entspricht das Wasser dem formlosen und richtungslosen Ursprung, dem Chaos vor aller Unterscheidung.
 
Die Vorstellung eines Urwassers, eines Ozeans der Anfänge, findet sich fast überall auf der Welt und reicht bis nach Polynesien. Viele austroasiatische Kulturen verorten die kosmische Schöpferkraft im Wasser. Häufig taucht der Mythos eines “Taucherwesens” auf, das ein Stück Erde aus der Tiefe an die Oberfläche holt, wie der hinduistische Eber, der den ersten Keim der Festigkeit aus dem Wasser hebt. Dieses Motiv ähnelt einem Embryo, der im Moment der formalen Manifestation ins Licht tritt.
 

 
“Ich weiß nicht, warum ich Wasser so sehr mag. Wasser ist aufgrund seiner molekularen Struktur ein geheimnisvolles Element. Und es ist sehr filmisch; es vermittelt Bewegung, Tiefe, Veränderung. Es ist eines der schönsten Dinge auf der Welt. Nichts ist so schön wie Wasser. Aber da sich alles im Leben in unserem Unterbewusstsein widerspiegelt, möchte ich meine Liebe zum Wasser nicht zu einseitig betrachten. Vielleicht liegt es an einer alten Erinnerung; meine Vorfahren, die aus dem Wasser Lebensenergie schöpften - wer weiß? Auf jeden Fall ist das der Grund, warum ich keinen Film ohne Wasser machen konnte”.”
Andrej Tarkowskij
 
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So führt uns das Wasserelement letztlich zurück zur Weisheit des Tao Te Ging. Das Männliche zu erkennen, bedeutet, die Kräfte des Handelns, Gestaltens und Durchsetzens bewusst wahrzunehmen. Dem Weiblichen treu zu bleiben, bedeutet jedoch, den Raum des Empfangens, Nährens und Zulassens nicht zu verlieren. Wie das Wasser selbst erinnert uns diese Haltung daran, dass wahre Wirksamkeit nicht aus Härte entsteht, sondern aus Hingabe, Durchlässigkeit und der Fähigkeit, sich dem Leben anzuvertrauen.
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Quellen:
Lad, Vasant. Lehrbuch des Ayurveda. Fundamental Principles. 2002. The Ayurvedic Press.
Wilhelm, Ernst. Graha Sutras. 2016. Create Space Independent Publishing Platform.
Śrīmad-Bhāgavatam. Bhaktivedanta Vedabase. https://vedabase.io/en/library/sb/. Januar 2026.
Jean Chevalier/ Alain Gheerbrant. Dictionnaire Des Symboles. Robert Laffont/Jupiter.1982.
Beresford-Cooke. Shiatsu. Theorie und Praxis. Urban & Fischer. 2003.
Olaf Rippe/ Margret Madejsky. Die Kräuterkunde des Paracelsus. AT Verlag. 2013.

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